Rettende Ambivalenzen (…) Gegen die groß angelegten politischen Gesten stehen vor allem drei Stücke [bei der Tanzplattform], die aktueller kaum sein könnten. In „Violent Event“ nehmen sich Verena Billinger und Sebastian Schulz der allgegenwärtigen gesellschaftlichen und medialen Gewalt an und finden dafür eine beklemmende Form, die zunächst einmal die Realität anerkennt, in der sie stattfindet: die Bühne. Gewalt ist in letzter Konsequenz nicht zeigbar, weil es sonst zu echten Verletzungen käme. Umgekehrt ist Gewalt im Theater nur darstellbar, ist sie doch immer nur gespielt, wodurch sie sich den Vorwurf der Verharmlosung einfängt. Aus diesem Zwiespalt heraus entwickeln Billinger/Schulz eine Reihe von Gewaltspielen, die vom einfachen Ballwerfen über Waterboarding bis hin zu Paint-Ball-Schießen reicht. Vor jedem Durchgang kündigt der „Täter“ dem „Opfer“ an, was er oder sie gleich tun wird, sodass der einvernehmliche Spielcharakter stets erkennbar bleibt. Doch mit jedem Durchgang wird auch die Grenze zwischen Spiel und Ernst durchlässiger, nimmt die Wucht der Schläge zu, bevor man sich ganz nonchalant dem nächsten Spiel zuwendet. Durch dieses Verfahren werden vor allem Fragen provoziert und keine Lösungen geboten. Es sind Fragen nach unserem selbstverständlichen Konsum von Gewalt durch die Medien und Fragen nach der Grenze, ab der man Handlungen als Gewalt gelten lässt. Theater heute

Bei diesem Grausen den Blick von der Bühne abwenden? Auf keinen Fall! Stattdessen den Impuls des zu Hilfe eilens konsequent unterdrücken. Das Gewaltgelage ist Theater, das Publikum der Voyeur. Dem Choreographen-Duo ist ein bedeutender Theaterabend gelungen. (…) Fünf Protagonisten führen Variationen von Macht und Ohnmacht vor. Antworten müssen die Zuschauer in ihrem Inneren finden. (…) Wohltuend ist, dass das Thema Gender-Gewalt ausgeklammert worden ist. Kleine drahtige Frauen schlagen wehrlose Männer, drei Personen stemmen sich gegen eine, Anleihen vom Wrestling tauchen auf. Konsequent stehen die Formen der Gewalt statt Personen im Fokus. NRZ 

Für diese Form von motivations- und moralfreier Körper-Aktion haben sich Billinger & Schulz schon vor einigen Jahren als Experten erwiesen. (…) Und es ist verblüffend, wie sehr gerade die Zurückhaltung der Choreographen immerzu moralische Fragen zum Thema Gewalt aufwirft: Man grübelt über die Grenze zwischen Gewaltverherrlichung und -kritik. Über die eigene Schaulust – oder Abscheu. Oder über das uralte Kunstdilemma, ob Gewalt eine ästhetische Strategie sein darf. Ein starker, oft unbehaglicher – und manchmal sogar überraschend komischer Abend. Kölner Stadtanzeiger 

Ist Gewalt eigentlich noch Gewalt, wenn sie in völliger Übereinkunft der Beteiligten ausgeübt wird? Eine Frage, die sonst eher Gerichte beschäftigt. Sie ist auch nur eine von vielen, die den Zuschauern durchs Gehirn zucken dürften, wenn sie sich dem Violent Event aussetzen, das Verena Billinger und Sebastian Schulz angerichtet haben. Da gehen die Performer Patricia Gimeno, Frank Koenen, Sanna Lundström, Lea Martini und Nicolas Niot freundlich lächelnd und konzentriert auf dem weißen Tanzboden aufeinander zu, verabreden, was sie als Nächstes tun werden: „Du, leg dich mal da hin“, „ich fang mal mit ganz wenig an“. Dann zerren sie sich an der Haut durch den Raum, kicken und schlagen, prügeln mit eisenschweren Baseballschlägern aufeinander ein. (…) Auf denjenigen, der zusieht, im Frankfurter Mousonturm, also im Raum des Theaters, in dem alle Gewalt „nur“ gespielt ist, wirkt das als extreme, schlimme, widerlichste Gewalt. (…) Die Sache trifft, aber nicht nur die krassen Bilder tun es. Auch die Frage, die dahintersteht. (…) Dass Billinger & Schulz oft und gerne nachdenken, über eine konkrete Fragestellung, für die sie eine Choreographie, ein Bewegungstheater entwickeln, zeichnet sie aus. (…) Die Verbindung vom Bühnenbild zum Bild im Kopf und all die Denkarbeit, die in der Lücke dazwischen geleistet werden muss, sind ja gerade das Violent Event. (…) Die Bilder im Kopf sind weitaus grässlicher noch als das, was zu sehen ist. Wie Phantasien, das Spielerische auch, der Gewalt anhaften, zeigt Violent Event so auch, gerade durch die betonte Nüchternheit des Arrangements. Man ahnt: Harmlos ist eigentlich nie irgendetwas. Frankfurter Allgemeine Zeitung 

Dies nimmt entspannt zur Kenntnis, wer zuvor bereits das Duo Verena Billinger & Sebastian Schulz im Mousonturm mit „Violent Event“ erlitten hat. Fünf Männer und Frauen exerzieren aneinander Gewaltakte wie Waterboarding als Didaktik-Demo beim ökumenischen Jugendtreff. Billinger und Schulz, die nicht vom Tanz kommen, stehen exemplarisch für den Dilettantismus, der bei dieser Tanzplattform zum reflektierten Prinzip erhoben wurde. Süddeutsche Zeitung

Die Fantasie des Zuschauers ist ausgeliefert, die Fantasie übersetzt, bebildert, erinnert und ergänzt. Manchmal verstellt ein Vorhang wie eine verschmierte, halbblinde Scheibe die Sicht aufs Geschehen. Eine dahinter angeleuchtete Alurettungsfolie sieht, hektisch bewegt, wie Feuer aus. Auch bei den aus einem Monitor herüberwinkenden Prominenten argwöhnt man Furchtbares, als mache deren wedelndes Händchen nur mal gerade Pause vom Schlagen. tanz 

Wir aber gleichen dem lebenden Frosch im Kochwasser, der die langsam steigende Hitze nicht wahrnimmt bis es zu spät ist. (…) Klasse Einstiege an Tag eins der Tanzplattform. Neue Frankfurter Presse