Über

Wir beschäftigen uns mit Gesellschaft und Öffentlichkeit. Für die künstlerische Modellierung und Inszenierung fokussieren wir in unseren Vor-Bildern und Themen die Rolle des Körpers. Dessen Bewegung verstehen wir als Überträger und Lebenszeichen, mit dem wir Bilder, Effekte und affektive Spannungsfelder kreieren.

Auszeichnungen
Unsere Performance „ROMANTIC AFTERNOON *“ für sechs küssende Menschen wurde in Deutschland, Österreich, der Schweiz, der Slowakei, Bulgarien und Schweden gezeigt, 2012 beim Favoritenfestival in Dortmund ausgezeichnet und ins Auftrittsnetzwerk des NRW Kultursekretariats aufgenommen. 2014 erhielten wir den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Die internationale Fachzeitschrift tanz hat uns im Jahrbuch 2015 als „Hoffnungsträger für den Tanz“ ausgezeichnet. Die Produktion „Violent Event ˟“ war zur Tanzplattform Deutschland eingeladen: das Festival präsentiert zwölf herausragende Tanzproduktionen der vergangenen zwei Jahre. Weitere Gastspiele in Slowenien u.a.
Unsere künstlerische Arbeit wird durch die Spitzenförderung des Landes NRW sowie der Landeshauptstadt Düsseldorf gefördert. Zudem erhält unsere Arbeit eine mehrjährige Förderung aus dem Kulturetat der Stadt Frankfurt am Main. Zur Ausbildung: Wir haben in Gießen, Frankfurt und Hildesheim Angewandte Theaterwissenschaft, Tanz, Choreographie und Performance studiert.

Auszug aus Irina Raskins Einführung zur Vernissage von REWORK: Ausstellung (10/2016):

„Überhaupt scheinen Verena Billinger und Sebastian Schulz in dieser Ausstellung die Frage aufzuwerfen, was überhaupt als natürliche und was als artifizielle Bewegung, was als ideale Körpervorstellung und reale Verkörperung geltend gemacht werden kann und richten den Fokus der Betrachtung dabei stets auf die Ambivalenz zwischen diesen Kategorien. So machen sie in der Arbeit „Übermalungen“ deutlich, dass der Körper nicht nur durch Bewegung zu Gestalt findet, sondern genauso stets ein Bild benötigt, um letztlich Form werden zu können. Dabei ist das Bild, was man von sich selbst hat, also wie sich der eigene bewegte Körper anfühlt, ebenso ausschlaggebend, wie das Bild von außen, also so wie andere den Körper wahrnehmen. Der Körper, so legt diese Arbeit nahe, ist niemals natürlich – im Sinne von bereits gegeben – sondern muss erst gemacht und hergestellt werden, was ohne die Aneignung einer fremden Perspektive nicht möglich ist. Im Bild findet der Körper eine Art Artikulation zwischen inneren und äußeren Kräften, was auch durch die Eingriffe, die Verfremdungen, die die Choreographen an den gefundenen Bilder vornehmen, einen Ausdruck findet.“

Melanie Suchy, tanz 03/2016

„In dieser schönen Zone, die nicht grau, sondern bunt ist, siedeln Billinger & Schulz alle ihre Performances an. (…) ‚Wir betreiben eine Weiterführung der Performancekunst mit choreografischen Mitteln‘, sagt Schulz, ‚komplexer arrangiert und mit weniger Glauben an Unmittelbarkeit und Echtheit‘. Diesen Glauben drehen sie immer wieder durch ihren fingerspitzengeführten Fleischkörperwolf, mit Mitteln der Wiederholung, Variation, Verschiebung. (…) Intellektuelle Bezüge zu Tanztheorie und -geschichte fließen in die Arbeiten mit ein, werden jedoch nie eitel oder pädagogisch ausgestellt. Humor ist den Künstlern nicht fremd. Schon im Interview, in dem sie sich unangestrengt die Worte wie gute Freunde teilen, lachen sie gern, kichern verlegen etwa über ihre Feststellung, ‚wir sind ja eher schüchtern‘. Von Weitem besehen, wirken sie auch so; doch ihre Stücke beeindrucken durch Bestimmtheit.“

Nicole Strecker, Jahrbuch tanz 2015:

„Erst küssten sie, dann schlugen sie – und beides taten sie ganz ohne Gefühl. Zärtlichkeit ohne Liebe, Gewalt ohne Hass. Das in Düsseldorf ansässige Choreografen–Paar Billinger & Schulz darf man derzeit getrost als Experten für motivations- und moralfreie Körper–Aktionen betrachten. (…) Auf ihrer Bühne allerdings wird schon mal so erschöpfend gebusselt, gewürgt, geprügelt und gefoltert, dass man bald begreift: Höflichkeit ist die neue Provokation. (…) Der alte, von der Tanzsparte traditionell und notwendigerweise verleugnete Leib–Seele–Dualismus – hier wird er zum radikal–komischen Konzept. Billinger & Schulz sind eben profunde Querdenker und auf leise Weise widerspenstig. Der Körper sei für sie ein «Überträger und Lebenszeichen», behaupten sie. Das klingt ein bisschen nach Krankheit, signalisiert aber auch, dass sie mit dem Chiffren-Ballast des Körpers noch längst nicht fertig sind.“

Aus der Begründung der Jury des Förderpreises:

„Dieses Du-selbst-Sein schwingt in ihren Theatertanzperformances, oder wie immer man sie nennt, im Grunde ständig mit: als ein feinfühlig gestalteter Bezug zur Wirklichkeit, zum Menschsein in dieser seltsamen Welt. Es geht ums genaue Hinsehen auf das Eigene in Bezug auf das Andere, bei dem durchaus auch Komisches zum Vorschein kommt. In „Romantic Afternoon *“ für sechs Performer inszenierten Billinger/Schulz Küsse, einen nach dem anderen und auf alle möglichen Arten. Die diversen Relationen zweier Körper und Köpfe und Münder zueinander luden sich im Betrachter mit Geschichte und Emotionen auf. In „First Life – ein Melodram“ breiteten sie die Relation zwischen ihnen beiden auf der Bühne aus als ein unaufgeregtes Duett über Möglichkeiten. Welche der Aussagen über ihr Zusammensein, über Zeiten, Dauer, Orte und Tiervergleiche nun stimmten oder nicht, spielte nur insofern eine Rolle, als sie die Zuschauer in ein Spiel mit Muster mitnahmen, ein gedankliches Folgen, Wenden, Hüpfen, Schwanken. Für „Kummerkasten Menschenstadt“ befragten die beiden Dutzende von Menschen in Düsseldorf und Frankfurt zu Stadt, Familie, Geld, Glauben, Liebe und gaben die gesammelten Stimmen der im besten Sinne „Dahergelaufenen“ an fünf Darsteller ab. Die waren dann sie selbst und doch auch etwas anderes, etwas Gegenwärtiges und etwas Vergangenes, Vorbeigegangenes. (…) Für die Theaterszene in Nordrhein-Westfalen sind sie ein Gewinn, eine große Hoffnung.“

Gerald Siegmund, aus der Publikation zur Tanzplattform Deutschland 2014:

„Die Arbeiten von Verena Billinger und Sebastian Schulz zeichnen sich durch eine genaue Beschäftigung mit verschiedenen Bewegungsformen und deren medialen Bedingungen aus. Aus konkreten Fragestellungen und Beobachtungen heraus untersuchen sie Bewegung als kontextspezifisch, die sich gerade deshalb gegen jede Form der Beliebigkeit sperrt. In dem Stück „computerised movement“ waren es die leerlaufenden Bewegungen von Avataren in Computerspielen, die als Grundlage ihrer Auseinandersetzung dienten. Diese merkwürdig vertrauten und unheimlich fremdem Figuren, die nie still standen, irrten auf einer durch starkes Licht in mehrere Flächen unterteilte Bühne herum, prallten gegeneinander und von den Wänden ab und stellten so eine permanente Aufforderung an die Zuschauer dar, mit ihnen zu spielen.
Egal ob es die Bewegungen von Computerspielen sind oder ob es wie in „ROMANTIC AFTERNOON *“ die Frage nach der Privatheit eines öffentlichen Kusses ist, in jedem Fall geht die mediale Spezifik von Bewegung bei Billinger und Schulz einher mit einem starken Bewusstsein für das Theater. In ihrem jüngsten Stück „First Life – ein Melodram“, spielen Billinger und Schulz ein prototypisches Liebespaar, das mit den Formen und Masken des Theaters spielt. In einem geschickt verzahnten persönlich anmutenden Text, den sie vom Blatt lesen und der die Zuschauer aber über den tatsächlichen Status ihrer Beziehung im Unklaren lässt, denken sie über den Stellenwert von Beziehungen nach, über Möglichkeiten, diese zu leben und Gründe, sie zu beenden. Auch hier übernimmt der Tanz die dramaturgisch begründete Rolle als melodramatischer Tanz vom Ende einer Beziehung, die auf der Bühne hoffentlich noch eine Weile andauert.“