Aber was sind das für Leute? Tragen manche dieser Geschöpfe nicht recht merkwürdig futuristische Hemden und Hosen, die wie Exoskelette wirken? „Unlikely Creatures“, „unwahrscheinliche Geschöpfe“, lautet der Titel einer Serie, die Billinger/Schulz 2016 begonnen haben und nun mit diesem dritten Teil abschließen. Ging es zuerst um Körperbilder und Optimierung, dann um Populismus und Rausch, so sind wir nun bei der Zukunft des Menschen gelandet. Wo gehen wir hin? Zu mit künstlichen Methoden optimierten Körpern und Sinnen? Oder, so insinuiert es eine der Tänzerinnen kriechend und schnüffelnd, zum Tier? Zum Raubtier gar, wenn nach einer guten Stunde die Erwachsenen immer wieder paarweise einander an die Gurgel gehen? Billinger/Schulz haben ihr Team ein weiteres Mal vergrößert. Zu dem halben Dutzend Erwachsene gesellen sich vier Kinder, die zwar rüde mit Büchern umgehen und in ein Monsterkostüm schlüpfen – immerhin aber sind sie es auch, die aus den gleichförmigen Gruppentänzen ausscheren, an denen die Erwachsenen sich abarbeiten. Der riesige Raum, locker gefüllt mit teilweise sich wiederholenden Bewegungsmustern, riesigen Gemälden und allerhand Mobiliar scheint diesmal Billinger/Schulz Neigung zur Leerstelle regelrecht zu materialisieren. Frankfurter Allgemeine Zeitung

Verantwortlich für diesen ungewöhnlichen Abend zeichnet das Düsseldorfer Choreografen-Duo Verena Billinger und Sebastian Schulz. (…) Hier erlebt man verschiedene Zukunftswelten, letztlich Dystopien einer kommenden Gesellschaft. Zunächst das Jahr 2300 mit einer von der Klimakatastrophe heimgesuchten Erde: Vor der Hitze und den Überflutungen anderer Kontinente sind die Menschen in den Norden geflüchtet. Vor allem nach Grönland, das jetzt etliche Millionen Bewohner zählt. Die neue grüne Idylle mit herrlicher Blumenpracht, rauschenden Wasserfällen und Vogelgezwitscher scheint ein echtes Paradies zu sein. Von ihrem zentralen Bühnenpodest blicken die Zuschauer und ein Kameramann auf spielende Kinder und fleißige Erwachsene. Letztere treiben Sport oder bauen weiter an ihrer schönen neuen Welt. Elf Tänzer und Performer haben den Saal in Beschlag genommen. Alles läuft in geordneten Bahnen, bis sich das Bild ändert. Donnergrollen übertönt plötzlich das rauschende Wasser. Auf den ringsum platzierten Bildschirmen zerfleischen Raubtiere ihre Beute und, kaum fassbar, Kinder steinigen Kinder. In Billingers und Schulz’ Vision der Zukunft beherrschen Verhaltens-Atavismen den Menschen und holen ihn immer wieder ein. (…) Den letzten Teil von “us hearing voices” sollte man nicht versäumen. (…) Das wieder erbaute Holzhaus und dessen Vorfläche sind jetzt, umgeben von schnell errichteten Zäunen, zum Exerzierplatz für Quälereien geworden. Rheinische Post

Das Erstaunliche an besonders diesem ersten Teil ist, dass er nicht langweilt, dass selbst die nebensächlichste Tätigkeit noch interessant erscheint. Wenn die Performer irgendwo in einer Ecke Blicke tauschen, kurz miteinander flüstern, verschärft das nur das Geheimnisvolle, das über diesem Auftakt liegt. Bis zuletzt wird die Erwartung des Zuschauers nicht wirklich befriedigt und doch kann dieses Zusehen beim Belangloses höchst spannend sein.
Der zweite Teil beginnt in völliger Dunkelheit. Rund zehn Minuten lang gibt es schlichtweg nichts zu sehen, dann flackert gelegentlich mal eine Neonröhre müde auf. Wir befinden uns irgendwo im endlosen All. In Skianzügen, Imkerschutzbekleidung, mit Fechthelmen sind die Performer (nun ohne die drei Kinder) zu Astronauten geworden. Das Raumschiff strandet auf einem Planeten fern ab von allem Irdischen, wird zerstört, wie Schiffbrüchige treiben die Astronauten sich an Bruchstücke des Raumschiffes klammernd im All. Dann werden sie auf der Erde als Mensch-Maschine-Hybride wieder zum Leben erweckt. Sie erfahren ihre menschlichen Körper, ihre Haut, ihr Gewebe, die Gelenke als fremde, vielleicht sogar hinderliche Hülle.
Im dritten Teil folgt eine düstere Dystopie. Eine Gesellschaft nach dem Verfall des Sozialen. Nach einem viertelstündigen Auftakt mit Partytänzen, die zuletzt in erschöpfender Extase und konvulsivischen Zuckungen enden, wird die Bühne komplett umgebaut. Das Holzhaus vom Beginn wird an anderer Stelle wieder aufgebaut, Bauzäune trennen den Raum in drei Abschnitte, Wände und ein Teil des Bodens werden mit Bauplanen abgedeckt. Dieser Umbau nimmt eine halbe Stunde ein. Die Menschen in dieser verrohten Welt proben ständig die Selbsttötung, indem sie sich mit dünnen Schnüren zu erhängen suchen, oder sie traktieren sich gegenseitig, jagen sich, foltern, sperren sich gegenseitig ein. Ruhrbarone